Offenes Haus

Vor einem Jahr kam T. zu uns. Er ist afghanischer Flüchtling und war für drei Monate unser Gast. Am ersten Abend habe ich aufgeschrieben, was das für ein Gefühl war. Hier ein kleiner Auszug:

Mittwoch, 11.12.13

Ich bereite das Zimmer für unseren afghanischen Gast vor. Ich mache auch die Ecken, die ich schon lange nicht mehr geputzt habe. Ich bin aufgeregt und freue mich auf diesen Besuch. Es ist Advent, denke ich.

Wir dürfen ihn T. nennen, weil sein Name für uns schwer auszusprechen ist. Ihm geht es mit „Damaris“ nicht anders. Bei unserer ersten Begegnung sind wir beide schüchtern und wissen nicht so richtig worüber wir reden sollen. Es gibt so viele Fragen auf beiden Seiten. Dann schreit mein Baby und ich muss stillen. Es ist mir unangenehm.

Abends kommt er von der Arbeit. Wir gucken Dortmund gegen Marseille. T. ist für Dortmund. Die Nachrichten in der Halbzeitpause berichten von einem Selbstmordanschlag in Afghanistan. Ich möchte heulen. Gestern war Afghanistan noch so weit weg – doch heute sitzt T. mit uns im Wohnzimmer. Danach gucken wir bei Google, wo er herkommt und er erzählt ein bisschen über seine Familie.

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Alle Jahre wieder …

sitze ich am Schreibtisch, starre auf den Bildschirm und versuche etwas Neues aufs Papier zu bringen. Etwas, was die Leute zu Weihnachten noch nicht gehört haben und noch nicht wissen. Und immer wieder scheitere ich an diesem Anspruch.

Alle Jahre wieder mache ich die Erfahrung, dass es mir gelingt die „alte Botschaft“ selbst zu hören und zu empfangen. Meistens dann, wenn ich wirklich leer bin und das Gefühl habe nichts mehr zu wissen und zu können.

Und irgendwie bekomme ich dann doch was aufs Papier. Es muss ja nichts Neues sein, wenn wir das Altbekannte oft genug noch gar nicht begreifen können.

Lieber Opa – zum 90. Geburtstag

Vielleicht weißt Du gar nicht, wer ich bin. Wir sehen uns leider nur noch selten, da ich schon seit 15 Jahren nicht mehr in der alten Heimat wohne. Ich bin Damaris, die Älteste von Deinem Mittleren. Solange ich denken kann, bist Du da und heute wirst Du 90 Jahre alt. Seit einiger Zeit bist Du vergesslich und erkennst mich nicht mehr so gut.

Das, was ich Gott sei Dank nur aus Büchern oder Filmen kenne, musstest Du erleben. Du hast den zweiten großen Krieg überlebt und die Gefangenschaft erlitten. Viele Jahre später hast Du es für uns, Deine Nachkommen aufgeschrieben. Danke dafür. Für mich ist es unfassbar, wie Du das überstehen konntest. Und natürlich hat all das Wunden und Narben hinterlassen. Erlebnisse, die Du nie vergessen wirst, Verletzungen, die nie wirklich heilen werden – äußerlich und innerlich. Vielleicht vergisst Du deshalb, weil es einfach weh tut immer daran zu denken.

Über das Erlebte zu reden, viel Dir nie leicht. Ich kann das verstehen. Auch ich kann besser schreiben als reden. Gefühle auszudrücken ist schwer, aber Menschen brauchen das. Menschen, die uns lieben und die wir lieb haben, brauchen, dass wir es ihnen sagen.

Leider kann ich bei Deiner großen Feier nicht dabei sein. Ich darf arbeiten. Ja, ich darf. Es ist dass, was ich gerne tue. Und ich weiß, Du verstehst es, denn die Gemeinde stand bei Dir immer an erster Stelle. Auch das ist bei mir ähnlich. Doch Menschen, die uns lieben und die wir lieb haben, brauchen auch unsere Zeit. Zeiten, die wir ihnen uneingeschränkt widmen.

Lieber Opa, danke für Dein Vorbild und dass ich von Dir für mein Leben und meine Familie lernen kann.

Deine Enkelin Damaris