In der Liebe gibt es keine Furcht

Ich erinnere mich an eine Situation in der Schule. In der Theatergruppe machte die Lehrerin mit uns autogenes Training oder eine Phantasiereise oder einen Mix aus allem. Ich weiß noch genau, dass ich auf dem Boden lag und panische Angst hatte. Ich dachte: „Jetzt komme ich endgültig in die Hölle!“. Ich hatte keine Ahnung warum, ich wusste aber, dass dieses gemeinsame auf dem Boden liegen und in eine Phantasiewelt abdriften „okkult“ ist und damit verboten. Nun lag ich dort auf dem Boden und während meine Lehrerin von einatmen und ausatmen redete und davon, dass die Arme schwer werden, versuchte ich, nur an Jesus zu denken. Innerlich sagte ich immer wieder „Jesus“ vor mich hin und versuchte mich ganz auf ihn zu konzentrieren und mich damit nicht auf diesen bösen Bereich einzulassen. (Hinterher war ich trotz allem merkwürdig entspannt und habe vielleicht eine frühe Form des Herzensgebetes für mich entdeckt.)

Ich hatte viel Angst in meinem Glauben. Angst vor der Hölle, Angst etwas Falsches zu sagen oder zu denken, Angst überhaupt etwas zu sagen, Angst, dass meine Eltern in die Hölle kommen, weil sie ein falsches Bibelverständnis haben. Ich hatte Angst davor, dass die Leute die mir Angst machten, damit Recht hatten und ich falsch glaube. Ich hatte Angst, zu wenig Stille Zeit zu machen und Angst zu wenig Zeugnis zu geben, Angst in die falsche Richtung zu schwimmen und damit ein toter Fisch zu sein. Angst, dass ich einschlafe und das Öl ausgeht, während Jesus wiederkommt. Angst, dass alle entrückt werden außer mir oder Angst, dass ich auch entrückt werde und dann die anderen sehen, wie unordentlich mein Zimmer ist. Ich glaube nicht, dass mir jemand diese Ängste angemerkt hat. Vielleicht habe ich es selber gar nicht so genau bemerkt. Aber ich habe mich schon immer dagegen gewehrt und tief in mir drin einen tiefen Glauben gehabt, dass es schon gut wird. Dass Gott es gut mit mir meint. Dieses tiefe Urvertrauen in Gott und seine Liebe habe ich von meinen Eltern gelernt. Doch meine inneren Stimmen waren in einem ständigen Austausch und Kampf miteinander.

Zuhause lernte ich einen freien Glauben kennen und im GJW (Gemeindejugendwerk) und von unserem damaligen Landesjugendpastor lernte ich einen neuen Umgang mit der Bibel und ein Schriftverständnis, dass viel tiefer ging, als das, was ich bisher kannte. Ein Glaube, der Zweifel zulässt und das Leben ernst nimmt, kennt nicht nur schwarz oder weiß, richtig oder falsch, sondern lässt alles zu, was das Leben zu bieten hat. Ein Schriftverständnis, das nicht am Buchstaben klebt, sondern nach Zeit, geschichtlicher Einordnung und Sinn fragt, stellt meinen Glauben in einen größeren Zusammenhang, der mich immer noch viel mehr staunen lässt als das wortwörtliche Verstehen der Texte.

Im Theologiestudium wurde mein Glaube hinterfragt und das tat weh. Es tat weh, mich mit mir selbst, meinen Ängsten und meinen auswendiggelernten Sätzen auseinander zu setzen. Es war schwer, selbst Antworten zu suchen und mir nicht alles vorkauen zu lassen. Und am Anfang war es viel leichter der gesammelten Professorenschaft den Glauben abzusprechen, als manche Frage wirklich einmal zuzulassen. Das erste Semester habe ich das noch durchgehalten, aber dann saß ich in einer Vorlesung zur Rechtfertigungslehre und wurde bekehrt. Es war großartig!

Nach und nach durch viele Fragen, Zweifel und Wege ist in mir ein Glaube gewachsen, der mein eigener Glaube ist. Erlebt und erfahren. Erdacht und erglaubt. Erhofft und erliebt. Nicht jeden Tag gleich stark. Manchmal zweifelnder und manchmal zart. Doch ohne Angst. Meistens.

Glauben, lieben, hoffen. Fragen und suchen. Ohne Antworten leben können. Noch mehr Fragen haben und Zweifel zulassen. Unterwegs sein mit anderen. Gemeinsam wachsen. Das macht nun für mich Glauben aus. So will ich weiterwachsen. Mit Schmerzen und Sehnsucht, aber ohne Angst.

„In der Liebe gibt es keine Furcht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe. Bei dem, der sich fürchtet, hat die Liebe ihr Ziel noch nicht erreicht.“
1. Johannes 4,18 (Basisbibel)

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Ich sehe Dich

Manchmal treffen Worte mitten ins Herz,
offenbaren Wahrheit und
schmerzen so sehr, dass ich schweige.

Während die Wolken weiterziehen,
bleibst du in mir und willst nicht wieder gehen.
Ich soll dich sehen.

Ich bleibe stehen und sehe hin.
Blicke tief in mein Herz
und sehe dich, mein Schmerz.

Mit dir will ich leben, weitergehen
und sehen, wohin du mich führst,
meine Sehnsucht berührst.

Ich will gehen und finden,
entdecken und Winden folgen,
die Wolken schieben.
Ich will dich lieben.

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Ganz nah

Schon der erste Ton erzählt mir,
ich war viel zu lange nicht hier.
Worte und Töne bringen die Sehnsucht
zum Klingen und erzählen von dir.

Wie vermisse ich das Singen,
und die Stimmen neben mir,
in Worten und Tönen entdecke
ich so viel von dir.

Heute war ich da.
Ganz da und ganz nah bei dir.
Und bei mir.
Im Gottesdienst.

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